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Rote Liebe
In der Domstadt Speyer, die nach der Salier-Ausstellung demnächst eine Napoleon gewidmete beherbergen wird, ist für Freunde der Motorkraft das Technikmuseum ein Magnet. Und eben dort findet noch bis zum 31. März 98 eine große Sonderausstellung von MV Agusta statt.
Die erfolgreichste Marke im Motorradrennsport ist spätestens seit Wiederbelebung in Form der F4 erneut Gesprächsstoff in der Szene. So kommt die Präsentation unweit der Rennstadt Hockenheim gerade recht, wo sich im Motodrom Phil Read mit dem zu Yamaha gewechselten Agostini die letzten Schlachten um die WM-Krone zwischen Vier- und Zweitakter lieferte.
Von beiden Kontrahenten sind denn auch die MV-Weltmeistermaschinen zu sehen - die 350er Dreizylinder und die 500er Vierzylinder. Für die meisten sind das sicher die Stars der Ausstellung. Mindestens ebenso interessant ist allerdings die Maschine für die Anfang der 70er Jahre aufgekommene Formel 750, denn sie ist nicht mal in der MV-"Bibel" von Colombo/Patrignani zu sehen. Mit der Verzögerung ihrer Entwicklung begründete Ago damals unter anderem seinen Wechsel zu Yamaha, da ihn die neue Rennklasse enorm reizte. Zum Glück sind auch Rennmaschinen der kleinen Hubraumklassen zu sehen, die sonst unverdient etwas im Schatten der Großen stehen. Dabei ermöglichten sie MV den einzigartigen Triumph vom Gewinn der Fahrer- und Markenweltmeisterschaften aller Soloklassen in den Jahren 1958, 1959 und 1960!
Ganz nach Berti Vogts ist allerdings sowieso die Mannschaft der Star: Praktisch die ganze Produktionspalette von den ersten kleinen Zweitaktern bis zur letzten Arturo Magni America ist zu sehen. Sogar die hierzulande fast unbekannten Roller und Mopeds und die erst langsam entdeckten Scrambler-Modelle sind in original Patina oder toprestauriert zu begutachten. Es scheinen lediglich die erste 600er Tourenmaschine und die Lastentrikes zu fehlen .
Aber die werden die Enthusiasten des deutschen MV Agusta-Clubs demnächst sicher auch noch in ihren Reihen haben. Sie haben zusammen mit der Museumsleitung diese Präsentation auf die Räder gestellt, die auch die Widersprüchlichkeit der Firmenpolitik der Grafen deutlich werden läßt: Auf der einen Seite Hochleistungsgeräte, die praktisch zwei Jahrzehnte die Rennstrecken beherrschten, auf der anderen Seite Serienmaschinen, deren biedere Technik mit dem sportlichen Image der Marke nicht Schritt halten konnte. Bei diesem schönen Überblick über die Gesamtpalette fragt man sich, weshalb man nicht auch in den kleineren Hubraumklassen OHC-Maschinen angeboten hat; dieses Feld hätte man nicht den Japanern überlassen müssen. Und bei allem Respekt vor dem großen Namen, aber die MV-Scrambler können beispielsweise gegen die Modelle von Ducati weder optisch noch technisch anstinken.
Bei der Eröffnung der Ausstellung gab man sich mit der Einladung des deutschen Exweltmeisters Dieter Braun zwar Mühe, dessen Rede allerdings war eher mühsam. Dabei hätte er als Zeitgenosse von Agostini und Read sicher ein paar Anekdoten aus Boxengasse oder Hotel beisteuern können, auch wenn er zu MV selbst keinen direkten Bezug hat.
Auf das große Büffet muß man zwar nun verzichten, aber aus dem Museumsrestaurant kann man nach wie vor bei einem Glas Sekt einen Blick von oben auf die roten Renner aus Gallerate genießen.
Die Ausstellung im Technik-Museum Speyer ist bis zum 31. März 1998 täglich von 9 - 18 Uhr geöffnet.
Hardy Schneider |